Unser Kreuzweg
Mit Betrachtungen von Kardinal Joseph Ratzinger (2005)
1. Station Jesus wird zum Tode verurteilt | |
| Der Richter aller Welt, der einst wiederkommen wird, uns alle zu richten, steht zerschlagen und geschändet, ohnmächtig vor dem weltlichen Richter. Pilatus ist nicht durch und durch böse. Er weiß, daß dieser Angeklagte unschuldig ist; er sucht nach einem Weg, ihn freizubekommen. Aber Pilatus ist halbherzig. Seine eigene Stellung, sein Selbst ist ihm am Ende doch wichtiger als das Recht. Auch die Menschen, die laut schreien und den Tod Jesu fordern, sind nicht durch und durch böse. Viele von ihnen wird es am Pfingsttag „mitten ins Herz treffen“ (Apg 2, 37), wenn Petrus ihnen sagen wird: „Jesus, den Gott vor euch beglaubigt hat... habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen...“ (Apg 2, 22f). Aber nun sind sie im Bann der Masse. Sie schreien, weil die anderen schreien und wie sie schreien. Und so wird Gerechtigkeit zertreten aus Feigheit und Trägheit des Herzens, aus Furcht vor dem Diktat der herrschenden Meinungen. Die leise Stimme des Gewissens wird übertönt vom Geschrei der Menge. Die Halbherzigkeit, die Menschenfurcht gibt dem Bösen die Macht. | |
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