Unser Kreuzweg
Mit Betrachtungen von Kardinal Joseph Ratzinger (2005)
3. Station Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz | |
| Der Mensch ist gefallen und fällt immer wieder: Wie oft wird der Mensch zur Karikatur seiner selbst, nicht mehr Bild Gottes, sondern Spottbild auf den Schöpfer. Der Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fiel und ausgeraubt, halbtot, blutend am Straßenrand liegt – ist er nicht ein Bild des Menschen überhaupt? Der Fall Jesu unter dem Kreuz ist nicht nur das Hinfallen des schon durch die Geißelung zu Tode erschöpften Menschen Jesus. In diesem Fall bildet sich doch Tieferes ab, wie es Paulus im Brief an die Philipper geschildert hat: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich... Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 6-8). Im Fallen Jesu unter der Last des Kreuzes erscheint sein ganzer Weg: sein freiwilliger Abstieg, um uns von unserem Stolz aufzuheben. Und zugleich erscheint das Wesen unseres Stolzes: der Hochmut, daß wir uns von Gott emanzipieren und nur noch wir selber sein wollen, der Hochmut, daß wir der ewigen Liebe nicht zu bedürfen glauben, sondern selber unser Leben einrichten möchten. In diesem Aufstand gegen die Wahrheit, in diesem Versuch, uns selber Gott und unser eigener Schöpfer und Richter zu sein, stürzen wir ab und fallen in die Selbstzerstörung hinunter. Jesu Abstieg ist die Überwindung unseres Hochmuts, und mit seinem Abstieg hebt er uns auf: Lassen wir uns aufheben. Streifen wir unsere Selbstherrlichkeit, unseren falschen Autonomiewahn ab und lernen von ihm, dem Abgestiegenen, daß wir absteigend uns zu Gott und zu den getretenen Brüdern wendend unsere wahre Größe finden. | |
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